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Grußwort von Pastor Andreas Wegenhorst

04.02.2015 | Gedanken zu Karfreitag und Ostern

Grußwort von Pastor Andreas Wegenhorst

Liebe Gemeinde

„Er hat Gott gelästert! Was bedürfen wir weiterer Zungen?“

In der Erzählung von den letzten Stunden Jesu ist es der oberste Priester Kaiphas, der in großer Empörung diese Worte ausruft. Nach einigem Hin und Her im Hohen Rat hatte er selbst endlich Klarheit schaffen wollen und Jesus auf den Kopf zu gefragt, ob er der Christus sei, der seit langem erwartete, von Gott gesandte Retter des Volkes Israel und Richter der Welt. Und Jesus, der darauf geantwortet hatte: „Du sagst es.“

Für die Ohren des Hohen Priesters ein ungeheurer Anspruch! Dieser arme, alles andere als unumstrittener Wanderprediger aus Galiläa, der sich dem einen lebendigen Gott an die Seite stellte, dem Schöpfer des Himmels und der Erde, der behauptete: „In mir begegnet euch Gott. Mit mir fängt Gottes neue bessere Welt an. An mir entscheidet sich, ob ihr dazugehört oder nicht“!

„Er ist des Todes schuldig“, lautet dann auch das einhellige Urteil des Hohen Rates, von dem die Evangelien berichten. Und wenig später hängt der, über den es gesprochen wurde, am Kreuz…

Gotteslästerung – ein Wort, das uns heute, im 21. Jahrhundert, wie aus einer anderen Welt vorkommt. Wie können Menschen, so fragen sich nicht wenige unter uns, andere verübeln in Bezug auf etwas, das Sache jedes einzelnen ist, das beweisbar ist und so widersprüchlich wie die Religion? Entsetzt haben wir von den Anschlägen in Paris gehört, bei denen Menschen mitten in unserer modernen, freiheitlichen Welt eine solche Verurteilung brutal vollstreckt haben.

Freiheit und die Verfolgung Andersdenkender, Anders- oder Nicht-Glaubender – das passt nicht zusammen. Da muss für die Freiheit eingestanden werden. Unbedingt!

Nur: was ist, wenn die Freiheit selbst rücksichtslos wird? Wenn Menschen in ihrem Namen keinerlei Grenzen mehr anerkennen, weder des Mitgefühls noch des Respekts? Wenn Freiheit zum entfesselten Egoismus wird oder zur neuen „Religion“, vor der sich wiederum jeder fürchten muss, der sie nicht wortgetreu nachspricht?

Durch den, der für seine „Gotteslästerung“ am Kreuz gestorben ist: durch Jesus, weiß unser Glaube, dass Freiheit ohne Liebe nichts ist. Allein die Liebe kann die Freiheit davor bewahren, das gleiche

Schicksal zu erleiden wie schon so manches Gute in Menschenhänden, nämlich das Schicksal, übertrieben zu werden, Leben zu erschweren statt zu erleichtern, nur wenigen zu dienen.

Eine Grundlinie, die auch Christen nicht immer beachtet haben – angefangen bei den allerersten Gemeinden, die im Apostel Paulus daran erinnern musste, in ihrer Begeisterung für ihre neugewonnene Freiheit nicht die zu beschämen, die noch nicht so weit waren. Über Luther, der bei seinen Mitstreitern in Wittenberg ausdrücklich die „lieblose Freiheit“ kritisierte, in der sie z.B. Heiligenbilder zerstörten, vor denen andere noch knieten. Bis hin zu mancher kirchlichen Richtung unserer Zeit, die sich freimachen will von verstaubten Traditionen und zugleich diese Freiheit auch allen anderen verordnet.

Liebevolle Freiheit dagegen, die verordnet nicht, sondern versucht zu überzeugen, die setzt nicht bewusst das herab, was anderen heilig ist, sondern respektiert es, soweit wie es irgend geht, die steckt lieber selbst zurück, als dass andere an der Freiheit irre werden.

Das ist die Art, frei zu sein, die uns durch Jesus ans Herz gelegt ist. Eine, die nichts gemeinsam hat mit der Ideologie von Attentätern aber die auch eine andere ist als so manches, was in unserer Welt als besonders freiheitlich gilt.

Vielleicht ein Gedanke, dem sich gerade in der vor uns liegenden Zeit nachzugehen lohnt…

Gute Wochen auf Karfreitag und Ostern hin wünscht Ihnen

Ihr Pastor Andreas Wegenhorst